Woyzeck 2022

von Georg Büchner – unser aktuelles Stück 2022!

Letzte Aufführung von „Woyzeck“ am 3.10.22 um 17.00 Uhr in der Orangerie, Schloss Philippsruhe

ENDLICH! 

STÜCKGUT SPIELTE WIEDER!

…..und feierte am 2.7.22 unter der Regie von Christian Nabroth gleich eine fulminante Premiere von Büchners „Woyzeck“

Schnell und begeistert äußerte sich auch Erland Schneck, der bekannte Theaterpädagoge aus Hanau:

„ICH HAB IM TRAUM GEWEINET…“

Die Hanauer Theatergruppe „Stückgut“ präsentiert Büchners „Woyzeck“ im Großauheimer Lokschuppen als beeindruckende Psycho-Parabel

Das Schicksal von Georg Büchners (1813-1837) „Underdog“ Woyzeck ist auch heute noch von beklemmender Aktualität. Völlig neu für seine Zeit hat der jung verstorbene Dichter in seinen erst um 1913 entdeckten und posthum aufgeführten Bühnenskizzen den realitätsbezogenen Versuch gewagt, vor allem in einem lebensfeindlichen unteren Sozialmilieu den entscheidenden Grund für Mord und Totschlag zu sehen, nicht in eigenem Versagen, nicht in individueller Schuld. Der junge Mediziner wurde so zum umstrittenen Avantgardisten einer gesellschaftsbezogenen, gesellschaftskritischen Rechtsprechung.

Vor den Kopf stieß er mit seiner materialistischen d.h. anti-idealistischen Auffassung vom als Leben als Kampf aller gegen alle; ein Ansatz, der eine skeptische, ja pessimistische Lebensauffassung den klassisch-aufklärerischen Theorien eines Goethes oder Schillers entgegensetzte. In Büchners Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens geht der Autor– hierin ein Vorläufer der Moderne – an die Grenze des Nihilismus; nähert sich in seinen Dialogen dem Stil des späteren absurden Theaters; und dies trotz einer scharf gezeichneten Realität, die auch die Sprache der Unterschicht mit einschließt – und die pseudo-gebildete Attitüde einer sich den Armen überlegen wähnenden (klein-)bürgerlichen Mittelschicht.

Büchners in seiner Abfolge nicht gesicherte szenische Revue hat Christian Nabroth, der Regisseur – vor allem aber als geschickter Dramaturg – auf das Wesentliche  zugespitzt, mit einer Reihe wichtiger, in sich schlüssiger Eingriffe. So werden zusammenhängende Dialoge auf unterschiedliche Szenen verteilt, Gespräche neu montiert. Zusammenhänge werden behutsam aktualisiert bis hin zur kaum merklichen Übernahme fremder, durchaus passender Texte. 

So weitet sich die von der Zeitlänge her erstaunlich kurze Inszenierung zu einer überzeitlichen Parabel, die (in Kostümen) bloß angedeutet bleibende historische Anspielungen getrost hinter sich lässt. Dies geschieht mit bemerkenswerter Klarheit und unprätentiöser Ehrlichkeit. Auf diese Weise verleihen die Eingriffe dem Büchner-Manuskript eine besondere Dimension.

Dies erreicht die Bearbeitung vor allem dadurch, dass sie das berühmte Antimärchen von der Einsamkeit und Verlassenheit eines jungen, in die Welt geworfenen Kindes („Großmutter-Erzählung“) gleichsam als Erzählrahmen in den Vordergrund rückt und dadurch dem Büchnerschen Dramenfragment fast den Charakter eines mittelalterlichen Totentanzes gibt.

Eindrucksvoll wird auch das Ambiente des Spielortes, der Lokschuppen, mit einbezogen; ein Waggon wird quasi zur Häuserfront; und die offene Bühne mit den zur angedeuteten Lokalität variabel eingesetzten weißen Spielkartons verstärkt noch den Charakter des Exemplarischen. Immer wieder wird das sich abzeichnende Eifersuchts- und Verzweiflungsgeschehen durch Karussell- und süße, nahezu kitschige Schlagermusik (Technik: Sebastian Heil).

In diese Ablenkungen flüchten sich die dargestellten Personen offensichtlich nach dem Motto „Brot und Spiele“. Selbst der von Alexander Khrapko überzeugend dargestellte „toxische“ Tambourmajor wird so zur Karikatur seiner selbst. Das gilt auch für die weiteren alptraumhaften „Quälgeister“ – den in seiner Selbstentfremdung fein gezeichneten hypochondrischen Hauptmann Lothar Hains. Aber auch für die – gar nicht aggressiv zynische, sondern in ihrem Understatement bloß tumbe und in ihrer „Lebensnähe“ umso gefährlicher wirkende Ärztin von Judith Gerner; dieses alles in einer Mischung von Stilisierung und natürlich-realistischer Beiläufigkeit (Coaching Hannah Schassner). In bemerkenswerter Erinnerung bleibt die Darstellung von Marie (durch Johanna Nabroth), die gar nicht – wie allzu oft in der Rezeption dieser Rolle – als „weiblich-liebestoll“ auftritt, sondern als emanzipierte, bodenständige Frau, die als Mutter darum bemüht ist, ihr Kind in dieser harten Welt durchzubringen, und die dabei tragischerweise emotional zusehends ihren Partner verliert; ihre Affäre mit dem Tambourmajor erscheint eher als existenzielle Nebensächlichkeit, der psychisch erkrankte Vater ihres Kindes überschätzt eigentlich die innere Bedeutung ihrer zur Eifersucht anstachelnden Fehltritte.

Mit Julian Herget steht dem Ensemble ebenfalls ein ungewöhnlicher Darsteller zur Verfügung. Im Gegensatz zu der üblichen Besetzung mit einem Schauspieler zerbrechlicher Statur ist sein Woyzeck äußerlich von bulliger Gestalt, erweist sich aber als in besonderer Weise feinfühlig, empfindsam und verletzbar, als 2einer, der alles in sich hineinschluckt. Er ist ein von den Umständen Getriebener, steht oft einfach nur neben sich; freilich ringt er verzweifelt um sein Gleichgewicht, sucht sein eigenes Tempo, vor allem: seine Identität zu bewahren – mit nachvollziehbarer Tat-Konsequenz: „Bin ich ein Mörder?“ fragt er am Schluss durchaus selbstbewusst. Dann friert die Szene ein. Wirklich – eine erstaunliche Darsteller-Leistung. Ebenfalls überzeugt Trudel Paech als Woyzecks Freund Andres, der sich, naiver jedoch, in gleicher Unterdrückungssituation befindet, und zu seinem Kameraden bewundernd aufschaut, trotz dessen verrückter Visionen. In den anderen Nebenrollen – vor allem als Großmutter – konturiert überzeugend Marion Liese.

Von der Trauer über die Unerfülltheit des Paares und seiner nicht eingelösten Liebe gibt kurz nach der sehr dezent gespielten Ermordung Maries der plötzlich als Sänger auftretende Marktschreier Kunde –mit dem unisono vorgetragenen Heinelied in der Schumann-Vertonung: „Ich hab im Traum geweinet…“ eine der anrührendsten Momente in dieser ergreifenden „Woyzeck“-Inszenierung. – Das Publikum der hier besprochenen zweiten Aufführung sparte nicht mit verdientem Applaus.

Die Aufführungstermine:

  • Samstag, 2.7.22, 19.30 Uhr (Premiere)
  • Sonntag, 3.7.22, 18.30 Uhr

Sichern Sie sich für die Aufführungen am kommenden Wochenende noch Ihre Karten im Vorverkauf (s.u.) oder an der Abendkasse!

  • Freitag, 8.7.22, 19.30 Uhr
  • Samstag, 9.7.22, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 10.7.22, 11.00 Uhr

ACHTUNG: Neuer Auftrittsort LOKSCHUPPEN HANAU, Heideäcker 1, 63457 Hanau

KARTEN: 15.- € (ermäßigt 8.- €) beim Buchladen am Freiheitsplatz oder per E-Mail unter stueckgut@online.de

Eine weitere Aufführung wird es im Rahmen des Theaterfestivals „Jetzt! UN(D)sichtbar“ im Oktober geben.

 

Gehalten haben wir unser Versprechen, einen Teil der Einnahmen aus den Loriot-Aufführungen zu spenden:

Spende Frauenhaus Hanau
Spende Ambulanter Kinder- und Jugendhospizdienst Hanau